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Das große Finale

Der Tag hatte schon böse angefangen, am frühen Morgen hatte nichts geklappt. Manchmal wird ein Tag, der schlecht begonnen hat, im Lauf der Stunden noch ganz erträglich, aber diesmal wurde es einfach immer schlimmer. Der Abend schließlich versprach, alles in den Schatten zu stellen.

Aber ich habe mich noch gar nicht vorgestellt: Rick Canavan, Möchtegern-Privatdetektiv, mit anderen Worten von Beruf pleite. Geldsorgen bin ich gewohnt, aber dass diese verdammte Nutte meine Brieftasche gestohlen hatte, gab mir den Rest. Das Übrige besorgten der Kater und der Hotelbesitzer, der mich vor die Tür der Absteige setzte, da ich das Zimmer nicht weiter vorausbezahlen konnte.

Dabei schien meine Pechsträhne gerade zu Ende, war ich doch nach Monaten erfolglosen Suchens in Vegas fündig geworden: Michaels Spur führte direkt zum Onyx Theatre! Ich war ihm dicht auf den Fersen, meinem ehemaligen Partner, der zur falschen Seite des Gesetzes gewechselt und einflussreiche Männer um viel Geld erleichtert hatte, dessen Kopf jetzt eine beträchtliche Prämie zierte.

Am Abend saß ich im Kasino des Bellagio und nippte an einem Single Malt Whiskey, den ich mir kaum leisten konnte. Mein Blick wanderte unablässig zur Tür und musterte jeden Neuankömmling. Es dauerte nicht lange, da bemerkte ich, dass ich nicht als Einziger die Gäste im Auge behielt.

Eine Brünette am Pokertisch, gesegnet mit einer Figur, die einer griechischen Göttin würdig gewesen wäre, warf mir bedeutungsvolle Blicke zu. Zuerst hielt ich es für einen Scherz, aber dann nickte sie mir zu und deutete zum Aufzug.

Meine Augen sagten ja.

Sie spielte die Partie zu Ende und stolzierte davon, ihr rubinrotes Abendkleid strich über den Boden. Ich wartete gerade lange genug, um nicht aufzufallen, und folgte ihr. Gemeinsam warteten wir auf den Fahrstuhl, ohne ein Wort zu wechseln.

Die Türen glitten auf. Sie trat ein und winkte mir, ihr zu folgen. Zwei als Menschen getarnte Bulldoggen, die unversehens hinter mir erschienen waren, verliehen Ihrer Aufforderung eine Überzeugungskraft, der ich mich nur schwer entziehen konnte.

Wir fuhren nach oben, die Fahrt schien endlos. Eine Tür und eine Treppe später stand unsere Gruppe auf dem Dach und der Himmel goss seine Fluten über uns aus. Natürlich, warum sollte er das auch nicht an diesem verdammten Tag?

»Ich dachte eher an ein Bett mit Seidenlaken und ein Glas Champagner bei Kerzenlicht«, sagte ich.

Statt eine Antwort zu bekommen, winkte mich erbarmungsloser Stahl in Form einer auf Hochglanz polierten 44er Magnum zum Rand des Hoteldaches.

Ich hob die Hände, meine Kleidung war durchnässt und ich zitterte.

»Liebchen«, sagte ich, »du hast dir den falschen Tag ausgesucht. Ich bin heute schon ausgeraubt worden und trage keine Wertsachen mehr bei mir.«

»Dein Geld interessiert mich nicht«, sagte sie und spannte den Hahn des Revolvers. »Michael lässt dich grüßen. Er sagte zu mir: Schick diesen Bastard ohne Umwege in die Hölle.«

Zu spät wurde mir das Ausmaß der Falle klar, in die ich wie ein Anfänger getappt war, das romantische Tête-à-Tête verkam zu einem Stelldichein mit dem Sensenmann. Die Brünette könnte ich überwältigen, aber ihre zwei Bodyguards waren einer zuviel. Ich hatte keine Chance.

Sie deutete zum Abgrund, der hinter meinem Rücken lauerte.

»Also, was soll es sein?«

Ich zog eine Braue hoch.

»Entweder springst du oder ich jage dir eine Kugel in die Brust, mir ist es gleich«, seufzte sie und inspizierte ihre rot lackierten Nägel.

Ich schloss die Augen. Eine simple Wahl: Mann oder Memme. Einmal im Leben wollte ich ein Mann sein. Ich öffnete die Augen und trat einen Schritt zurück, ein Lächeln im Gesicht.

Die Stockwerke rasten an mir vorbei, genau wie mein Leben, das im Rückblick genauso armselig war, wie es mir immer vorgekommen war. Zumindest gab es niemanden, der Tränen nach mir vergießen musste.

Meine Gedanken überschlugen sich, kreisten um Michaels große Liebe zum Geld, zu den Frauen, dem Theater. Um die Spur, die ich zu einer Theatergruppe zurückverfolgt hatte, in der er als Requisiteur untergetaucht war.

Dann kam er, der letzte Gedanke, das große Finale: Was, wenn der Revolver nur eine Requisite gew …

Published inLeseecke

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