Zum Inhalt

Reminiszenz eines Picknicks

Sonnenlicht fiel durch das Blätterdach und sandte einen wohligen Schauer durch Harrys Körper. Er saß auf einer Wiese, eine Frau mit blonden Locken zu seiner Seite. Sein Blick hing an ihren roten Lippen, verfolgte jede ihrer Bewegungen, ohne die Worte zu hören, die sie sagte. Sie lächelte.

Harry schloss die Augen, gefangen in diesem Moment.

Er riss die Augen auf. Eine Sirene schrillte durch die Halle, die Blicke sämtlicher Arbeiter waren auf ihn gerichtet. Niemand sagte ein Wort. Das Fließband war stehen geblieben, mehrere halbfertige metallene Torsos hatten sich vor ihm verkeilt. Verwirrt blickte er auf die verdrehten Körper und dann auf das Werkzeug, das er in Händen hielt.

Da wurde er unsanft von hinten gepackt und weggezerrt, sein Platz im gleichen Augenblick von einem anderen Arbeiter übernommen. Das Fließband stotterte und lief weiter.

Die Fertigung durfte niemals stillstehen.

Harry wusste keine Erklärung, da stand er schon vor seinem Vorgesetzten. Die Wachen hatten sich zu beiden Seiten der Tür aufgebaut und versperrten den Ausgang.

»Das Fließband ist wieder stehen geblieben, das dritte Mal in dieser Woche«, sagte der Schichtleiter. Ohne eine Miene zu verziehen, blickte er Harry in die Augen.

Harry senkte den Kopf.

»Was hast du zu deiner Verteidigung zu sagen?«

Harry schwieg.

»Eigentlich sollte ich einen nutzlosen Blechhaufen wie dich ohne Umwege auf den Schrottplatz werfen, aber ich mag dich, frag mich nicht, weshalb. Geh zur Werkstatt und unterziehe dich einem Systemtest. Wenn der Fehler behoben wird, darfst du wieder an die Arbeit gehen. Wenn nicht …«

Harry verstand. Er warf einen Blick auf das Schild hinter dem Schreibtisch. „Individualität ist nichts – Effizienz ist alles!“ prangte in großen Buchstaben darauf.

Die Wachen packten ihn und schleiften ihn zur Werkstatt. Er ließ es geschehen. Widerstand war zwecklos.

Die Werkstatt war kleiner als die Fertigungsanlage, auch besaß sie nicht deren Eleganz und Effektivität. Stattdessen Schmutz, Rost und Verfall.

»Hier also endet meine Existenz«, dachte Harry, und fragte sich, ob es Wehmut war, was er fühlte. Geduldig wartete er in der Schlange defekter Androiden, bis er an der Reihe war, beobachtete, wie einer nach dem anderen abgefertigt wurde.

Zwei Ausgänge führten aus der Werkstatt heraus. Nur selten durfte ein Android durch den linken Ausgang gehen, die meisten wurden nach rechts geschickt. Zum Schmelzofen.

Als Harry an der Spitze der Reihe ankam, packten ihn starke Roboterarme und schnallten ihn auf die Werkbank. Eine Klappe auf seiner Brust sprang laut klickend auf und ein Kabelstrang verband ihn mit dem Diagnosecomputer. Bis auf das leise Surren der Roboterarme war kein Geräusch zu hören.

Harry wartete. Seine Gedanken rasten.

Plötzlich blinkte eine Warnmeldung auf: „Verdächtige Bilddatei: [Privat/Fotos/Picknick/IMG0071.jpg]“

Ein Bild erschien vor Harrys Augen, ein Bild aus vergangener Zeit, als es noch Menschen gab. Er sah einen Mann und eine Frau im Gras sitzen, glücklich bei einem Picknick vereint. Sonnenlicht fiel durch das Blätterdach, ein wohliger Schauer rann durch seinen Körper.

Das Bild verschwand, jede Erinnerung daran ausgelöscht.

»Du kannst wieder an die Arbeit gehen, der Fehler ist behoben und das System neugestartet«, stellte die Stimme fest. Die Fesseln sprangen auf und er erhob sich.

»Durch die linke Tür.«

Gehorsam schritt er hindurch und folgte dem Weg zurück zur Fertigungsanlage. Dem Roboter, der seinen Platz übernommen hatte, signalisierte er, dass er gehen könne. Seine Hände huschten über die vorbeifahrenden Torsos und zogen die Schrauben der Androidenkörper fest.

HRY 11543 war repariert und einsatzbereit.

Published inLeseecke

Schreibe den ersten Kommentar

Schreibe einen Kommentar